Schwachstelle Bestandsapplikationen: Wie sich Softwareapplikationen systematisch absichern lassen

Geschäftskritische Softwareapplikationen laufen in vielen Unternehmen seit Jahren stabil. Sie erfüllen zuverlässig ihre Aufgaben und sind tief in zentrale Prozesse integriert. Gerade deshalb stehen sie selten im Fokus von Veränderungs- oder Sicherheitsinitiativen. Gleichzeitig hat sich die Bedrohungslage deutlich verschärft. Cyberangriffe nehmen zu und werden gezielter durchgeführt. Der aktuelle Lagebericht des BSI zeigt, dass viele bestehende IT- und Softwarestrukturen nicht ausreichend auf die heutige Angriffssituation vorbereitet sind [1].

Damit rückt eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: Wie widerstandsfähig sind bestehende Softwareapplikationen gegenüber aktuellen Bedrohungen? Risiken entstehen dabei häufig schleichend. Über Jahre gewachsene Strukturen, veraltete Technologien und fehlende Transparenz führen dazu, dass Sicherheitsprobleme im laufenden Betrieb lange unentdeckt bleiben.

Warum „läuft doch“ zur gefährlichen Illusion wird

In vielen Organisationen gilt für bestehende Softwareapplikationen ein unausgesprochener Ansatz: Solange eine Anwendung stabil läuft, besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf für Änderungen. Diese werden daher oft bewusst zurückgestellt, um den laufenden Betrieb nicht zu gefährden. Ein stabiler Betrieb ist jedoch kein verlässlicher Indikator für Sicherheit. Denn Sicherheitslücken entstehen unabhängig davon, ob eine Anwendung fehlerfrei funktioniert, und bleiben ohne systematische Überprüfung häufig unentdeckt. Gleichzeitig verändern sich die Rahmenbedingungen kontinuierlich, während die ursprüngliche Architektur und Sicherheitskonzeption darauf oft nicht ausgelegt sind. 

Diese Entwicklung zeigt sich in der Praxis immer wieder in ähnlichen Mustern. Anwendungen wachsen funktional weiter, neue Schnittstellen entstehen, ohne dass die Sicherheitsarchitektur im gleichen Maße angepasst wird. Änderungen erfolgen punktuell, während eine durchgängige Dokumentation fehlt und Sicherheitsprüfungen nur unregelmäßig stattfinden. So entsteht eine Situation, in der Softwareapplikationen im Tagesgeschäft stabil erscheinen, während sich im Hintergrund Risiken aufbauen.  

Cybersecurity & Compliance: Der Druck nimmt zu

Neben der technischen Entwicklung steigt auch der externe Druck auf Unternehmen, ihre Softwareapplikationen systematisch abzusichern. Die Bedrohungslage hat sich deutlich verschärft. Angriffe betreffen längst nicht mehr nur große Organisationen, sondern zunehmend auch mittelständische Unternehmen. Gerade gewachsene Anwendungen geraten dabei in den Fokus, da sie häufig weniger stark abgesichert sind. Parallel dazu wachsen die Anforderungen aus dem regulatorischen Umfeld mit Richtlinien wie NIS-2 oder dem Cyber Resilience Act (CRA) [2, 3]. Unternehmen müssen zunehmend nachweisen können, wie ihre Software aufgebaut ist, welche Risiken bestehen und welche Maßnahmen zur Absicherung umgesetzt wurden. 

Diese Anforderungen betreffen mehrere Ebenen gleichzeitig. Zum einen geht es um Transparenz über Systemarchitektur und Abhängigkeiten. Zum anderen rückt die vollständige Dokumentation eingesetzter Komponenten stärker in den Fokus. Hinzu kommt die Notwendigkeit, Sicherheitsrisiken systematisch zu bewerten und nachvollziehbar darzustellen. Gerade bei bestehenden Softwareapplikationen wird dies zur Herausforderung. Abhängigkeiten sind oft nur teilweise dokumentiert, eingesetzte Komponenten nicht vollständig erfasst und der tatsächliche Sicherheitsstatus lässt sich nur mit erheblichem Aufwand bewerten. 

Die versteckten Risiken des laufenden Betriebs

Die größten Risiken entstehen in vielen Fällen durch strukturelle Schwächen, die sich über die Zeit entwickeln. Gerade bei gewachsenen Softwareapplikationen sind diese Risiken oft eng miteinander verzahnt und werden im laufenden Betrieb nur selten ganzheitlich betrachtet. 

Veraltete Technologien als Angriffsfläche

Viele bestehende Softwareapplikationen basieren auf Technologien, die nicht mehr aktiv gepflegt werden oder deren Hersteller den Support bereits eingestellt haben. Sicherheitsupdates stehen in solchen Fällen nicht mehr zur Verfügung oder lassen sich nur mit erheblichem Aufwand integrieren. Gleichzeitig kommen über die Jahre hinweg weitere Komponenten und Bibliotheken von Drittanbietern hinzu, deren Sicherheitsstatus häufig nicht systematisch überprüft wird. 

Abhängigkeit von Personen und fehlende Transparenz

In vielen Organisationen liegt das Wissen über den Aufbau und die Funktionsweise von Softwareapplikationen oft nur bei wenigen Personen. Davon betroffen sind insbesondere historisch gewachsene Eigenentwicklungen, die über lange Zeiträume hinweg kontinuierlich erweitert wurden und oftmals auf Technologien basieren, die heute nur noch von einem kleinen Kreis an Spezialisten beherrscht werden. Dieses langjährige Wissen ist oft nicht vollständig dokumentiert, sondern beruht auf Erfahrung und persönlichem Verständnis der Beteiligten. Fällt eine dieser Schlüsselpersonen aus oder verlässt das Unternehmen, wird es kritisch, die Anwendung zuverlässig weiterzuentwickeln oder sicherheitstechnisch zu bewerten. 

Sicherheits- und Compliance-Risiken im Anwendungskontext

Neben den technischen und organisatorischen Aspekten steigen die Anforderungen im Bereich Cybersecurity und Compliance. Unternehmen müssen zunehmend nachvollziehbar darlegen können, wie ihre Softwareapplikationen abgesichert sind, welche Risiken bestehen und wie mit diesen Risiken umgegangen wird. Für Audits und Prüfungen bedeutet das einen erheblichen Mehraufwand. Informationen müssen nachträglich zusammengestellt werden, Zusammenhänge sind schwer nachvollziehbar und Bewertungen basieren häufig auf unvollständigen Daten. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass relevante Schwachstellen übersehen oder nicht rechtzeitig adressiert werden können. 

Zwischen Ablösung und Stillstand: Warum Absicherung der sinnvollste Weg ist

Wie können Unternehmen nun die Absicherung ihrer Softwareapplikationen konkret angehen? Eine vollständige Neuentwicklung kommt für die meisten Organisationen nicht in Frage, da sie mit hohem Aufwand und erheblichen Kosten verbunden ist. Hinzu kommt die Sorge vor Eingriffen in bestehende, funktionierende Prozesse. Ein unveränderter Betrieb bedeutet jedoch auch, dass vorhandene Schwachstellen bestehen bleiben. Sicherheitsrisiken werden nicht aktiv reduziert, während gleichzeitig die Anforderungen an Cybersecurity und Compliance weiter steigen. Damit wächst die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Sicherheitsniveau der Anwendung und den tatsächlichen Anforderungen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die gezielte Absicherung bestehender Softwareapplikationen an Bedeutung. Security-Hardening zielt darauf ab, Angriffsflächen zu minimieren und identifizierte Schwachstellen systematisch zu schließen, ohne die Anwendung grundlegend zu verändern. Die dafür notwendigen Maßnahmen lassen sich schrittweise umsetzen, ohne operative Abläufe zu unterbrechen.

Gezielte Absicherung von Softwareapplikationen in der Praxis

Die Absicherung bestehender Softwareapplikationen erfordert ein strukturiertes und nachvollziehbares Vorgehen. Ziel ist es, Risiken systematisch zu identifizieren, zu bewerten und gezielt zu reduzieren, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen. 

Transparenz über die Anwendung schaffen 

Zu Beginn muss ein vollständiges Verständnis über die Softwareapplikation aufgebaut werden. Bestehende Dokumentation und das anwendungsbezogene Erfahrungswissen der beteiligten Personen werden zusammengefügt, um ein belastbares Bild der Anwendung zu erzeugen. Das hilft dabei, zu verstehen, wie die Anwendung aufgebaut ist, und erste Bereiche, die besonders kritisch sind, zu identifizieren.

Threat Modeling & Risikoanalyse

Auf dieser Grundlage werden potenzielle Bedrohungen und Risiken identifiziert und im Kontext der Anwendung bewertet. Neben technischen Aspekten fließen dabei auch die Nutzung der Applikation und ihre Bedeutung für den Geschäftsbetrieb ein. So entsteht eine strukturierte Übersicht relevanter Risiken und Angriffsszenarien, die eine klare Priorisierung ermöglicht und als Entscheidungsgrundlage für weitere Maßnahmen dient.

Technische Sicherheitsanalyse

Im nächsten Schritt erfolgt die gezielte technische Analyse. Quellcode, eingesetzte Komponenten sowie Konfigurationen werden untersucht, um konkrete Schwachstellen aufzudecken und mit den zuvor identifizierten Risiken abzugleichen. Daraus entsteht eine nachvollziehbare Liste identifizierter Schwachstellen, die die Grundlage für die weitere Bewertung und Priorisierung bildet. 

Security-Hardening-Konzept

Auf Basis der Analyse wird ein Security-Hardening-Konzept erarbeitet, das konkrete Maßnahmen zur Absicherung der Softwareapplikation beschreibt. Diese werden nach Dringlichkeit und Umsetzbarkeit priorisiert und in einen strukturierten Maßnahmenkatalog überführt. 

Umsetzung der Sicherheitsmaßnahmen

Die Absicherung der Softwareapplikation erfolgt schrittweise anhand der zuvor identifizierten Maßnahmen. Diese werden gezielt dort umgesetzt, wo sie den größten Effekt auf die Risikoreduzierung haben, ohne in bestehende Abläufe einzugreifen. Ziel ist es, die Sicherheitslage kontinuierlich zu verbessern, ohne die Stabilität der Anwendung zu gefährden. 

Fazit: Das größte Risiko ist, nichts zu tun

Funktionierende Softwareapplikationen werden häufig als stabil und verlässlich wahrgenommen. Gleichzeitig entstehen im Hintergrund Risiken, die über lange Zeit unentdeckt bleiben und mit zunehmender Dauer schwerer zu beherrschen sind. Zusätzlich führt die steigende Bedrohungslage im Cybersecurity-Bereich in Kombination mit wachsenden Anforderungen an Compliance dazu, dass bestehende Anwendungen stärker in den Fokus rücken. 

Unternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre Softwareapplikationen nicht nur zu betreiben, sondern deren Sicherheitsniveau aktiv zu bewerten und weiterzuentwickeln. Eine strukturierte Absicherung schafft Transparenz, reduziert Risiken und ermöglicht es Unternehmen, ihre Softwarelandschaft zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Wer bestehende Anwendungen nicht aktiv betrachtet, riskiert, dass Sicherheitsprobleme erst dann sichtbar werden, wenn bereits ein Schaden entstanden ist.

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FAQs:

Security-Hardening bezeichnet die gezielte Absicherung einer bestehenden Softwareapplikation, ohne sie grundlegend umzubauen oder neu zu entwickeln. Dabei werden Angriffsflächen reduziert, bekannte Schwachstellen geschlossen und sicherheitsrelevante Konfigurationen optimiert. Im Gegensatz zur Neuentwicklung bleibt die Anwendung in ihrem Kern erhalten, was den Aufwand deutlich reduziert und den laufenden Betrieb schützt.

Security-Hardening ist besonders für Unternehmen relevant, die über jahrelang gewachsene Eigenentwicklungen verfügen, die tief in kritische Geschäftsprozesse eingebunden sind. Ebenso betroffen sind Organisationen, die zunehmend unter regulatorischen Anforderungen wie NIS-2 oder dem Cyber Resilience Act stehen und den Sicherheitsstatus ihrer Applikationen nachweisen müssen. Grundsätzlich ist jedes Unternehmen angesprochen, das Software betreibt, ohne deren aktuellen Sicherheitszustand vollständig zu kennen.

Die Projektdauer hängt stark von Komplexität und Größe der Anwendung sowie dem Ausgangszustand der Dokumentation ab. Für eine erste Bestandsaufnahme inklusive Risikoanalyse und technischer Sicherheitsanalyse sind in der Regel wenige Tage einzuplanen. Die anschließende Umsetzung der Absicherungsmaßnahmen erfolgt dann schrittweise und kann je nach Priorisierung über mehrere Monate verteilt werden.

Gefundene Schwachstellen werden zunächst nach Kritikalität und Ausnutzbarkeit bewertet, bevor Maßnahmen eingeleitet werden. Kritische Sicherheitslücken, die ein unmittelbares Risiko darstellen, werden priorisiert und so schnell wie möglich geschlossen. Weniger dringliche Befunde fließen in den strukturierten Maßnahmenkatalog ein und werden im Rahmen des weiteren Projektverlaufs behoben.

Regulatorische Rahmenbedingungen wie die NIS-2-Richtlinie und der Cyber Resilience Act verpflichten Unternehmen zunehmend dazu, den Sicherheitsstatus ihrer IT-Systeme und Softwareapplikationen nachweisbar zu dokumentieren und aktiv zu managen. Auch branchenspezifische Vorgaben, etwa im Bereich der kritischen Infrastruktur oder des Gesundheitswesens, stellen konkrete Anforderungen an die Absicherung eingesetzter Software. Unternehmen, die diese Anforderungen nicht erfüllen, riskieren nicht nur Sanktionen, sondern auch einen erheblichen Vertrauensverlust bei Kunden und Partnern. 

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