Routenzug in der Produktion - Wie SAP EWM und SAP S/4HANA Manufacturing Logistics die Intralogistik neu denken

Vom manuellen Prozess zur Systemsteuerung

Die Produktion wartet nicht. Fehlt am Montageband ein Bauteil, gerät nicht nur ein einzelner Arbeitsschritt ins Stocken: Kosten steigen, die Liefertreue gerät unter Druck und im schlimmsten Fall steht die gesamte Linie. Gleichzeitig nimmt die Komplexität in der Fertigung zu – durch mehr Produktvarianten, höhere Stückzahlen und immer enger getaktete Produktionszyklen. Gerade bei der Materialversorgung entscheidet daher nicht allein der Routenzug auf der Fläche über den Prozess. Entscheidend ist, ob Kommissionierung, Beladung und Versorgung der Linie verlässlich, transparent und termingerecht gesteuert werden. Was in vielen Werken noch von Listen, Zuruf und Erfahrungswissen abhängt, lässt sich in SAP systemisch verankern. 

Für die systemgestützte Produktionsversorgung per Routenzug stellt SAP zwei Lösungsansätze bereit: Distribution Equipment als solide Basis im SAP EWM und das umfassendere Add-On SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics für komplexere Anforderungen. Beim Distribution Equipment hat abat das EWM-Entwicklungsteam der SAP dabei unterstützt, diese Funktionalität im EWM-Standard bereitzustellen. Wir kennen die Lösung daher nicht nur aus Projekten, sondern auch aus ihrer Entstehung im Standard. Die entscheidende Frage lautet damit nicht, ob ein Routenzug sinnvoll ist. Sie lautet: Wie viel Steuerung braucht Ihre Produktionsversorgung und welche SAP-Variante passt zu Ihrem Reifegrad? Um diese Entscheidung einordnen zu können, lohnt zunächst der Blick auf den physischen Prozess, den beide SAP-Ansätze digital abbilden.

Was ist der Routenzug, und warum ist er relevant?

Der Routenzug (engl.: Route Train oder Tugger Train) ist in der Automobil- und Maschinenbauindustrie das bewährte Mittel für die Produktionsversorgung. Ein Zugfahrzeug zieht mehrere Anhänger mit Kleinladungsträgern (KLTs) oder Großladungsträgern (GLTs) auf einer festen Route durch Lager und Fertigungshallen.

Ähnlich einem Busliniennetz hält der Zug an definierten Produktionsversorgungsbereichen (PVBs), liefert Material ab, nimmt Leergut mit und kehrt zur Ladezone zurück. Das Modell ist effizient. Die Herausforderung war bisher: Dieser physische Prozess lief häufig manuell, ohne Systemunterstützung, ohne Echtzeittransparenz, ohne saubere Integration in das Lagerverwaltungssystem.

 

Genau hier setzt SAP an. Die beiden Lösungsansätze unterscheiden sich in Umfang und Systemvoraussetzung. Wie stark sich diese fehlende Systemunterstützung im Alltag auswirkt, zeigt ein Projekt aus der Luft- und Raumfahrt.

Praxisbeispiel: Routenzug in der Luft- und Raumfahrt

Ausgangssituation: 
Kein Routenzug, keine Tourensteuerung. Zu Produktionsstart wurde das gesamte benötigte Material manuell an die Linie gebracht, alles auf einmal. Das Ergebnis: Platzprobleme direkt an der Fertigungslinie, unübersichtliche Bereitstellflächen und hoher manueller Aufwand für den Nachschub.

Lösung: 
Einführung des Routenzugs mit Decentral EWM in S/4HANA 2021 und SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics (MFG) 2111. Material aus drei Lagerquellen (AKL, Manuelles Lager, Automatik-Palettenlager) wird nun koordiniert bereitgestellt: Der Routenzug übernimmt die initiale Bestückung der Fächergestelle an der Linie und liefert danach bedarfsgesteuert per JIT-Nachschub nach. Nur was gerade gebraucht wird, kommt an die Linie. Kein Überbestand, kein Platzmangel. Ergänzend wurden kundeneigene SAPUI5-Dashboards entwickelt, die fällige Abrufteile je Fertigungslinie transparent anzeigen.

Ergebnis:
Das System beliefert jetzt gezielt die Fächergestelle an der Linie und befüllt einzelne Produktionslinien bei Erstanlauf, alles SAP-gesteuert.  

Technologie:
Decentral EWM • SAP S/4HANA • SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics (MFG) • Fiori App My Tours • SAPUI5 (Custom Dashboards). 

Das Beispiel zeigt: Der Routenzug wird erst dann zum verlässlichen Versorgungsprozess, wenn der Materialfluss auch systemisch geführt wird. Dafür bietet SAP zwei aufeinander aufbauende Ausprägungen. 

Zwei Varianten: Distribution Equipment vs. Routenzug (MFG)

SAP bietet zwei technisch verwandte, aber funktional unterschiedlich mächtige Ansätze für den systemgestützten Routenzugbetrieb. Beide basieren auf der prozessorientierten Lagersteuerung (POSC) in SAP EWM. Der Routenzug (MFG) baut direkt auf Distribution Equipment auf und erweitert es um ein eigenes Tourmodell. 

Die gemeinsame Basis erklärt, warum sich beide Verfahren kombinieren und schrittweise ausbauen lassen. Die Unterschiede liegen vor allem in Planung, Terminierung und Transparenz. 

Aus diesen Unterschieden ergibt sich keine pauschal bessere Lösung, sondern eine Frage des Prozessumfangs und des gewünschten Steuerungsniveaus. 

Tabelle 1: Gegenüberstellung Distribution Equipment und Routenzug (MFG)

Die richtige Variante wählen

Distribution Equipment eignet sich für Unternehmen, die einen ersten, schnell einführbaren Einstieg in die systemgestützte Produktionsversorgung suchen. Der Standard-EWM-Prozess deckt die wesentlichen Schritte ab: Kommissionieren, Bereitstellen, Beladen, Entladen. Dabei führt er die Mitarbeitenden bis auf die Ladeposition im Rack. Der Bestand ist damit vom Lagerplatz bis an die Linie nachvollziehbar. Es braucht kein hierzu zusätzliches Add-On.  

Routenzug (MFG) empfiehlt sich, sobald höheres Liefervolumen, zeitgesteuerte Touren, mehrere PVBs und ein Leitstand mit Echtzeitsicht benötigt werden. Das Manufacturing Logistics Add-On ergänzt die Basis um eine vollständige Tourenplanung, dedizierte Fiori-Apps und systemgeführte Be-/Entladung.

Welche Variante trägt, entscheidet sich jedoch nicht nur in der Funktionsliste, sondern im Zusammenspiel von Werklayout, Lieferfrequenz und vorhandenen EWM-Prozessen. 

abat Praxiserfahrung

abat hat beide Varianten erfolgreich bei Kunden eingeführt, sowohl mit S/4HANA 2021 Decentral EWM als auch mit Embedded EWM in SAP S/4HANA. Unsere Berater*innen begleiten Sie von der Variantenentscheidung über die Implementierung bis zum produktiven Betrieb.
 

  • Distribution Equipment: Einsatz bei Kunden mit kompakten Fertigungslayouts und überschaubarem Tourenvolumen, schnell einführbar, nah am EWM-Standard
  • Routenzug (MFG): Einsatz bei Kunden mit hohem Liefervolumen, zeitgesteuerten Touren und mehreren PVBs, maximale Prozessintegration und Transparenz 

Wie die Lösung funktioniert

Der Blick auf den gemeinsamen Grundprozess zeigt zunächst, was beide Varianten verbindet, bevor die Unterschiede in der Steuerung sichtbar werden. 

Prozessablauf im Überblick

Der systemgestützte Routenzugprozess läuft in acht Schritten ab, von der Bedarfsauslösung bis zur Rückkehr des Zugs an den Ausgangspunkt: 

Abbildung 1: Gleicher Prozess, unterschiedliche Steuerung. Produktionsversorgung per Routenzug im Vergleich von Distribution Equipment und Routenzug (MFG)

Beide Varianten durchlaufen dieselbe physische Logistikkette: Material wird kommissioniert, für die Ladevorbereitung bereitgestellt, auf den Routenzug verladen, zu den Produktionsversorgungsbereichen (PVB) transportiert und dort entladen. Kommissioniert wird dabei in Racks, also in Fächer unterteilte Verteilhilfsmittel, die auf den Anhängern mitfahren. Die physische Logistikkette ist damit dieselbe. Der entscheidende Unterschied beginnt dort, wo das System Reihenfolge, Termine und Zuständigkeiten steuert. 

Der Unterschied liegt in der Reihenfolge

Distribution Equipment leitet die Reihenfolge der Entladeschritte aus der Lagerplatzsortierung ab. Sie ist damit für jede Fahrt identisch, routenabhängige Stopp-Sequenzen sieht das Verfahren nicht vor. Tourenplanung und Auslastung bleiben in menschlicher Hand.

Der Routenzug (MFG) hinterlegt dagegen je Route eine feste Folge von Haltepunkten und ermittelt Route und Tour automatisch. Verschiedene Touren fahren dieselben Versorgungsbereiche dadurch in unterschiedlicher Reihenfolge an. Auch die Bereitstellung ist gesteuert: Die Ladespurfindung bestimmt, auf welcher Ladespur die Racks einer Tour zusammenkommen.

Aus der geplanten Abfahrtszeit einer Tour rechnet das System zurück: Über Belade- und Kommissionierdauer ergibt sich, wann die Kommissionierwelle spätestens starten muss, damit der Zug pünktlich losfährt. Aus dem Fahrplan wird so eine Terminvorgabe für das Lager. 

Abbildung 2: Gleiches Layout, gleiche Produktionsversorgungsbereiche. Distribution Equipment fährt jede Runde in derselben, aus der Lagerplatzsortierung abgeleiteten Folge, der Routenzug (MFG) je Route in eigener Stopp-Sequenz.

Voraussetzung dafür ist die Routenfindung. Ohne ermittelte Route ist ein Warehouse Request nicht tourfähig und läuft weiterhin über den Distribution-Equipment-Prozess. Beide Verfahren bestehen damit im selben Lager nebeneinander: Der Routenzug ist kein Ersatz, sondern eine Ausbaustufe auf derselben Basis.

Am spürbarsten ist das für den Fahrer. Ohne Systemunterstützung arbeitet er mit Papierliste und Zuruf. Schon Distribution Equipment ersetzt beides: Es führt ihn per RF-Gerät durch die Entladung, er bestätigt den Produktionsversorgungsbereich und wird bis zur Entnahmeposition im Rack geleitet. Was dort fehlt, ist der Blick auf die Tour als Ganzes. Den liefert der Routenzug (MFG) mit der Fiori-App My Tours, gedacht für einen Bildschirm am Routenzug: Sie zeigt den Zug grafisch mit allen Stopps der Tour, welche Handling Units an welchem Stopp zu entladen sind, die Entladerichtung je Stopp und den Fortschritt bis hin zum mitgenommenen Leergut. Bestätigt wird weiterhin per RF. Für Lagerleitung und Disposition kommt Manage Tours hinzu: Touren anlegen, Belader zuweisen, Ladeplan und Status verfolgen, Touren abschließen – ohne Telefonat und ohne Rückfrage.

Aus dieser unterschiedlichen Steuerung entstehen im täglichen Betrieb konkrete Effekte – für die Versorgung der Linie ebenso wie für Fahrer, Lagerleitung und Disposition.

Was der Routenzug konkret bringt

Der Wechsel von manuellen Routenzugprozessen zu einer systemgestützten Lösung wirkt sich unmittelbar auf den Betrieb aus. Die drei folgenden Aspekte machen greifbar, warum die Digitalisierung des Routenzugs weit mehr ist als die Ablösung von Papierlisten. 

Produktionsversorgung, die nicht an Einzelnen hängt

Im manuellen Betrieb entscheidet die Tagesform, ob das Material rechtzeitig an der Linie steht: eine unklare Schichtübergabe, eine liegengebliebene Liste, eine falsch gegriffene Menge. Kommt der Bedarf dagegen im System an, erzeugt es daraus die Aufträge fürs Lager und führt die Mitarbeitenden mit dem Scanner Schritt für Schritt bis an den Produktionsversorgungsbereich. Jede Linie wird nach denselben Regeln beliefert, unabhängig davon, wer Dienst hat, und jeder Schritt bleibt nachvollziehbar. 

Echtzeittransparenz über jeden Materialfluss

In SAP EWM wird jetzt vollständig sichtbar, was bisher eine Blackbox war: welches Material auf welchem Anhänger sitzt, welche PVBs bereits versorgt sind und wie weit die Tour ist. Lagerleiter und Produktionsverantwortliche sehen den Status jeder Tour in Echtzeit, ohne Rückfrage bei Fahrer oder Schichtleitung. 
 

Skalierbarkeit ohne Komplexitätszuwachs

Mehr Varianten, mehr Teile, mehr Versorgungsbereiche: Was manuell irgendwann kollabiert, skaliert im System mit. Routen und Touren lassen sich flexibel anpassen, ohne den Grundprozess zu verändern. Das ist ein entscheidender Vorteil in wachsenden oder sich verändernden Fertigungsumgebungen. 

Damit diese Vorteile wirksam werden, müssen Systemlandschaft, Prozessreife und Einsatzszenario zur gewählten Ausprägung passen.

Voraussetzungen & Einordnung

Distribution Equipment ist ab SAP S/4HANA 1909 Bestandteil des SAP EWM-Standards und läuft sowohl im Embedded EWM als auch im Decentral EWM auf Basis von SAP S/4HANA. Der Routenzug (MFG) setzt zusätzlich das Add-On SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics voraus und ist kein eigenständiges System, sondern eine Erweiterung, die direkt auf SAP EWM aufbaut. 

Besonders relevant für Unternehmen mit...

  • hohem Komponentenaufkommen in der Fertigung (Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektronikfertigung, Luft- und Raumfahrt)
  • komplexen Werklayouts mit mehreren Produktionsversorgungsbereichen
  • einem bestehenden oder geplanten Routenzugbetrieb ohne Systemunterstützung
  • anstehender S/4HANA-Migration, bei der EWM eingeführt wird
  • dem Ziel, manuelle Prozesse in der Intralogistik systematisch zu digitalisieren

Für diese Unternehmen ist der Routenzug damit kein isoliertes Logistikthema, sondern ein sinnvoller Hebel, um die Produktionsversorgung strukturiert zu digitalisieren. 

Fazit: Den Routenzug vom Transportmittel zum Steuerungsprozess entwickeln

Der Routenzug ist ein bewährtes Mittel für die Produktionsversorgung. Seine Wirkung entfaltet er jedoch erst dann vollständig, wenn Materialbedarf, Kommissionierung, Beladung und Versorgung der Linie in SAP EWM durchgängig miteinander verbunden sind. So wird aus einem stark von Erfahrung und manueller Abstimmung geprägten Ablauf ein transparenter, reproduzierbarer Prozess.

Ob dafür Distribution Equipment als standardnaher Einstieg genügt oder der Routenzug mit SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics sinnvoll ist, entscheidet sich am individuellen Versorgungsumfang und am benötigten Steuerungsgrad. Beide Ansätze schaffen die Grundlage, Materialflüsse nicht nur zuverlässig abzuwickeln, sondern auch anhand von Tour-, Zeit- und Auslastungsdaten gezielt weiterzuentwickeln.

Wer seine Produktionsversorgung heute systemisch verankert, erhöht nicht nur die Versorgungssicherheit an der Linie. Er schafft zugleich die Basis, seine Intralogistik mit steigender Variantenvielfalt und wachsender Dynamik skalierbar zu steuern.

abat begleitet Sie von der Variantenentscheidung bis zur produktiven Einführung. 

Sprechen Sie uns gerne an! 

FAQs:

Distribution Equipment ist der EWM-Standard für den physischen Routenzugbetrieb (Kommissionieren, Beladen, Entladen). Der Routenzug (MFG) baut technisch darauf auf und ergänzt ein eigenständiges Tourmodell mit automatischer Tourenplanung, Fiori-Apps und systemgeführter Steuerung.  

Distribution Equipment ist ab SAP S/4HANA 1909 im EWM-Standard enthalten und läuft im Embedded EWM ebenso wie im Decentral EWM auf Basis von SAP S/4HANA. Der Routenzug (MFG) setzt zusätzlich das Add-On SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics voraus, das die Routenzugfunktionen mit Release 2111 mitbringt und SAP S/4HANA 2020 FP1 oder 2021 erfordert. Eine EWM-Implementierung ist in beiden Fällen die Basis. 

SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics (kurz MFG) ist ein Add-On für SAP S/4HANA, das SAP EWM und SAP TM um spezifische Prozesse für die fertigungsnahe Intralogistik erweitert. Die drei Kernbereiche sind Routenzug, Shuttle und Inbound Cargo Registration. Zusätzlich bringt MFG Erweiterungen für den Lagermonitor mit. 

Ja. Unternehmen können mit Distribution Equipment als Basis starten und später auf den Routenzug (MFG) aufstufen. Auch eine schrittweise Einführung pro Standort ist möglich. 

Ja. Der Routenzug mit SAP S/4HANA for Manufacturing Logistics baut technisch auf Distribution Equipment auf. Beide Verfahren können daher in einem EWM-Lager nebeneinander bestehen: Wird für einen Warehouse Request eine Route ermittelt, kann er über den tourbasierten MFG-Prozess abgewickelt werden. Ohne ermittelte Route läuft er weiterhin über Distribution Equipment. Unternehmen können ihre Routenzugsteuerung somit schrittweise und gezielt ausbauen. 

Kontaktieren Sie unseren Experten

Jonas Schlemminger
+49 421 430460

abat Insights

Melden Sie sich an und erhalten Sie eine Nachricht, sobald wir neues Wissen für Sie bereitstellen.

Jetzt anmelden!